Brückenschlag Stuttgart – Der liegende Leuchtturm

Stuttgart im Jahr 2035. Man staunt nicht schlecht, wenn man die Landeshauptstadt mit dem Zug anfährt. Die letzten Meter bis zum neuen Tiefbahnhof haben es in sich, viele Fahrgäste drücken sich die Nasen an den Fensterscheiben platt. Was sie dort zu sehen bekommen, wenn sie den Neckar überqueren, ist einzigartig. Eine große, wandelbare Lichtinstallation mit den Worten »Hallo Stuttgart« ziert die Bögen einer denkmalgeschützten, ausgedienten Eisenbahnbrücke und begrüßt die Zugreisenden. Stuttgart, wo man im Rathaus gerne von Leuchtturmprojekten spricht, hat sich am Neckar einen ebensolchen Leuchtturm in die Horizontale gelegt: 322 Meter lang, 18 Meter breit.

Auf der Brücke selbst stehen vereinzelte, ausrangierte Eisenbahnwaggons alter Schule, die Kneipen und kulturelle Veranstaltungsorte beherbergen. In der Mitte ein Café, das vor allem von älteren Menschen rege besucht und von einer Boule-Bahn flankiert wird. Mehrere Stellen für Angler*innen wurden angelegt, auf der gesamten Länge der Brücke finden sich Hochbeete für urbanes Gärtnern und Biotope. Dazwischen säen sich Tischtennisplatten. Die Kleinen tummeln sich auf einem Naturkinderspielplatz. Auf einer Open-Air Bühne finden regelmäßig unterschiedlichste, kostenlose soziokulturelle Angebote statt. Und wer direkt ans Wasser will, benutzt die aus- und einladenden Treppen runter zum Kai und landet auf einer Liegewiese. Selbst das Baden im Fluss – in Stuttgart eigentlich unmöglich – wurde durch eingegrenzte Badestellen realisiert.

Durch den Brückenschlag wurde das neue Rosensteinquartier in Stuttgart an den Neckar und Bad Cannstatt angebunden. So gestaltet sich eine ausgediente Eisenbahnbrücke zum Treffpunkt und Begegnungsraum für jung und alt – und erntet internationales Interesse.

Die Idee, die Rosensteinbrücke umzuwidmen, ist alt. Dem Grünen Peter Mielert, einst Bezirksbeirat im größten Stadtbezirk Bad Cannstatt, kam sie schon 1998. 2013 bei einer Ausstellung im Stuttgarter Rathaus lernte er Beispiele aus Paris, New York und Zürich kennen. Die »Promenade Plantée« in Paris, inzwischen umbenannt in »Coulée verte René-Dumont« diente ihm als Inspiration. Als es dann an die Konzeption der neuen Eisenbahnbrücke nebenan ging, suchte er den Schulterschluss mit dessen Ingenieur Frank Schächner. Letzterer gründete die »Initiative Rosensteinbrücke« und fertigte Animationen an, die das alte Bauwerk als begrünten Flussübergang für Fußgänger*innen und Radfahrende zeigten. Doch eine politische Mehrheit für den Erhalt des Brücke gab es damals noch nicht.

Immerhin: Im Städtebaulichen Ideenwettbewerb »Neckarknie Stuttgart«, der 2017/2018 stattfand, war der Erhalt der Brücke nicht ausgeschlossen. Den teilnehmenden Büros wurde freigestellt, ob sie in ihrem Entwurf eine erhaltene, umgenutzte Brücke einbeziehen oder ob sie das Neckarknie ohne die Brücke gestalten.

Zugunsten der Brücke änderte sich die Mehrheit nach der Gemeinderatswahl 2019: Die Ratsfraktion der Grünen beantragte im Doppelhaushalt 2020/2021 Planungsmittel fürs Neckarknie und die Rosensteinbrücke als Park und Transitraum. Parallel dazu stellte die Fraktionsgemeinschaft PULS die Weichen für ihre Idee einer entschleunigten Brückenumnutzung und beantragte parallel eine Prüfung des Aufwandes für den ein Fortbestand der alten Rosensteinbrücke mit Gastronomie, Sportgelegenheiten, urbanem Gärtnern, Spielmöglichkeiten für Kinder und Ähnlichem und konnte dafür eine Mehrheit finden.

Deborah Köngeter und Thorsten Puttenat hatten sich bereits vor ihrer Zeit im Rathaus in einer kleinen Gruppe ihrer Wählervereinigung »Die Stadtisten« mit den Urhebern der Ideen einer Umnutzung getroffen und boten später als Stadträt*innen von PULS ihre Mithilfe an, in Richtung Realisierung zu gehen. Sie gingen allerdings noch einen Schritt weiter und befragten sie in einer Social Media-Kampagne die Stuttgarter*innen, welche Nutzungen auf der Brücke zukünftig möglich sein sollten, und legten mit einem erfolgreichen Antrag im Gemeinderat den Grundstein für einen städtebaulichen Ideenwettbewerb mit Blick auf die IBA’27.

Heute ist es, was es ist: Ein gutes Beispiel für gelungene Stadtplanung unter Einbeziehung der Wünsche der Stadtgesellschaft, die verschiedene und generationenübergreifende Interessen unter einen Hut bringen wollte und damit etwas Besonderes schuf. Den Stuttgarter*innen gefällt’s, und wer mit dem Zug in die Stadt einfährt, hat guten Grund, sich am Fenster die Nase plattzudrücken. Selbst dann, wenn es sich nur um eine Durchreise handelt. Hallo Stuttgart.

PS: Die Liegewiesen samt Plastikpalmen im Vordergrund entstammen dem Projekt Park Fiction in Hamburg, das uns als gelungene Intervention von Bürger*innen im öffentlichen Raum dient. Liebe Grüße hin zu den Leuten in der Hansestadt!